Ubi penne ibi patria

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Ubi penne ibi patria

Ubi penne ibi patria

Oder

Non vitae sed scholae discimus

 

Für gewöhnlich sind Festreden affirmativ, performativ, geschwätzig und geschwollen...“so der „meistgelesene Stil-Lehrer“ Deutschlands Wolf Schneider in seinem Klassiker „Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache“ (1976). Zu einem Jubiläum schreibt man also nichts Kritisches oder Ironisches?! Schade drum. Wer sich als Elite-Gymnasium begreift, muß mal einen dicken Knödel verdauen können.

Bevor ich dazu komme, meine Erinnerungen – auch zu den Schulhäusern in der Blücher- und später in der Feldstraße in Gütersloh – dem Computer anzuvertrauen, möchte ich einige Anmerkungen zu unserer spezifischen Schulsituation 1966/7 machen. Nur zwei Kurzschuljahre wg. Verlegung des Schulbeginns auf den Herbst bewahrten uns vor einem Abitur in dem berühmt-berüchtigten Jahr 1968, auf das in Bayern (wo ich seit über dreißig Jahren glücklich lebe) von konservativen Kreisen die Revolution datiert wird...

Lange Zeit hatte meine Familie ein Auto mit dem Kennzeichen M -K 6868. Ich hatte die Nummer nicht ausgesucht, sondern ein Freund, der – selbst CSU-nah – mich ärgern wollte, zumal es sich um einen Wagen mit dem schönen Stern handelte, den ja eigentlich nur „Kapitalisten“ fahren.

1988 wurde ich in „Live aus dem Schlachthof“ (B 3) von Günther Jauch zum Jahr 1968 und den Folgen interviewt. Meine Stellungnahme bezog sich mehr auf die private als die politische Seite: In einer Gesellschaft, in der es dem Untermieter nicht erlaubt ist, „Damenbesuch“ zu haben, muß sich endlich etwas rühren...

Hier ist nicht der Raum für eine Diskussion über 1968. Kurzes Fazit: Ein dringend notwendiges Übel, um den Muff loszuwerden und Türen aufzustoßen. Manche haben es inzwischen von langen Haaren und Jeans-Jacke bis zum Armani-Anzug (oder Brioni) geschafft, s. Joschka Fischer und Jürgen Trittin oder gar Gerhard Schröder (aus Lemgo). Die BILD-Zeitung knüpft nahtlos an die 68er Zeit an. Da bearbeitet man schnell mal ein Foto – und schon ist der heutige Umweltminister in Gesellschaft von Terroristen. Umgekehrt dürfte ein arroganter Ex-Kanzler, der jahrzehntelang einfachstes Rechtsempfinden mit Füßen getreten hat (und sich bedrohlich der 200 Kilogramm-Grenze nähert – in der Psychosomatik spricht man von In-sich-Hineinfressen), bald wieder salonfähig sein...  

1968, das war der notwendige Widerstand gegen die (damals wie heute) selbstherrlichen USA und ihren Vietnamkrieg, das war auch die Verbindung persönlicher Revolte mit politischen Zielen, die in dem Slogan „MAKE LOVE NOT WAR“ zusammengefasst wurde. „Die sexuelle Revolution“ war der Titel eines Buches des damals wiederentdeckten Wilhelm Reich, eines Juden aus der Herzegowina, der aus Berlin vor den Nazis über Skandinavien in die USA floh, nachdem man eine Kopfprämie auf ihn ausgesetzt hatte. Reich ist wohl der einzige, dessen Bücher nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA verbrannt wurden! Ab 1967 war er der meistgelesene Autor im Bereich der Raubdrucke, wurde dann auch von bürgerlichen Verlagen ins Programm genommen. „Die Massenpsychologie des Faschismus“, „Die Funktion des Orgasmus“ etc. – das musste damals jeder gelesen haben. (Bei Studentenunterricht an der Münchner Universität musste ich in den 80er Jahren feststellen, dass Reich wieder weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ob daran die Renaissance beim Versand „2001“ – der Inhaber ein typischer Alt-68er! – etwas ändern wird?) Reich ist vielfach in falsche Zusammenhänge gebracht worden, so mit der „antiautoritären Erziehung“, die nur ansatzweise mit seinen richtungsweisenden Ideen z.B. der Selbstregulierung (der natürlichen Geburt, Ernährung, Umweltbewusstsein etc.) zu tun hatte. Laut seinem früheren Mitarbeiter Bornemann war Reich „der autoritärste Antiautoritäre“, den er je gekannt habe.    

1968 bedeutete sicher auch die Auseinandersetzung mit der gut verdrängten und gehüteten Nazi-Vergangenheit. Viele unserer Lehrer waren geistig, z.T. auch körperlich zutiefst be-eindruckt vom 2.Weltkrieg. Mehrere hatten Amputationen von Gliedmaßen hinter sich – und nicht wenige Kriegsteilnehmer  dürften das gehabt haben, was wir in der Psychiatrie eine „Posttraumatisches Belastungsstörung“ nennen. Daß man für einen Schmierenschauspieler und dessen kranke Ideen in den Krieg gezogen und als Verlierer heimgekommen war, bedeutete eine schwere Kränkung, die ganz verschieden verarbeitet wurde. Jedenfalls gab es unter unseren Lehrern wie auch sonst in Gütersloh einen harten Kern von unverbesserlichen Alt-Nazis...(Unser Großvater Dr.Hans Richter hatte an der Schule Probleme bekommen, als er – nach der Lektüre von „Mein Kampf“ - für den Fall einer Machtergreifung Hitlers vor den Schülern Krieg prophezeit hatte. Wenig später kam die Gestapo ins Haus. Unser Vater Axel Kolitzus wurde  vom damaligen Direktor Fliedner als Schwiegersohn von Dr.Richter nicht an der Schule geduldet (und ging ans Ratsgymnasium in Bielefeld), obwohl er (als Elsässer – Heim ins Reich!) nichts gegen das neue Regime hatte.

 Nachdem mein Ruf in dieser Festschrift durch den Weihnachts-Auftritt 1968 (s. Beitrag von Küster) ohnehin fast ruiniert ist, schreibt es sich gänzlich ungeniert. Hier also die überarbeitete Fassung meiner – zugegeben subjektiven - Gedanken zum 30jährigen Abitur. Wie aus dem Beitrag von Küster (s.S.   ) zu entnehmen ist, haben sich die Konflikte unmittelbar nach unserer Zeit zugespitzt – und führten zu erheblichen persönlichen und organisatorischen Veränderungen am ESG. Und selbstverständlich sind die Gütersloher Geschehnisse ein Spiegel der Zeit. Überall, z.B. auch ganz in der Nähe in Lemgo (zitiert bei Küster), gab es ähnliche Konflikte zwischen und innerhalb der Generationen. 

„Warum verbringen so viele begabte und interessierte Schüler (Mädchen gab es leider nur einige Straßenzüge weiter östlich) ihre letzten Schuljahre in Lethargie und Trotz?  Warum kommen sämtliche Inhalte, die für das erwachsene Leben – damals ab 21 – wichtig werden sollten, nicht vor? Warum spricht kein Lehrer mit dem einen oder anderen von uns über unsere Pläne für das Leben jenseits der roten Schulmauern? (Da drohen z.B. die ewigen Themen der Menschheit GELD – MACHT und gar SEX.) Was sind unsere Stärken und Schwächen? Nach NEUN Jahren (=18 Semester!) keine Hilfestellung für Perspektiven. (Keine Angst, die meisten von uns haben es zu einem respektablen Beruf gebracht.)

 

SOLI DEO GLORIA

Mit diesem Thema hat man uns auf unnachahmliche Art verfolgt. Ungläubige – sorry, Katholiken – hatten rote, Gläubige (= Protestanten) grüne Ausweise. Es hat mich viele Jahre und viele Umwege gekostet, bis ich zur Spiritualität zurückkehren konnte. Ein Schul-Pfarrer, der die grundlegende Bösartigkeit des Menschen am Schreien von Säuglingen zu erkennen glaubte, war z.B. schwer zu ertragen.

Wie sagte doch Martin Luther: „Pecca fortiter!“ (Sündigt tapfer!) 

An Kirchen gebundene Religiosität ist mir auch dank der Lektüre von Karl Heinz Deschner (Und abermals krähte der Hahn, Das Kreuz mit der Kirche, Kirche des Unheils) suspekt geblieben. Mit der Familie gehe ich Weihnachten mal in evangelische, mal in katholische Kirchen, 2000 z.B. in die wunderschöne Asam-Kirche (Rokoko) (schräg gegenüber meinen Praxisräumen im Zentrum von München), die überzeugend die Verbindung von Spiritualität, Kreativität und Lebensfreude repräsentiert.

Unsere Kinder besuchen den evangelischen Religionsunterricht. Der Kommentar meines (2000 großjährig gewordenen) Sohnes Matthias in der Volksschule: „Bei den Katholiken muß man immer alles glauben.“ Luther hat die deutsche Sprache und die Textkritik in die Religion gebracht.

Als Urenkel eines Superintendenten (Petershagen) und Enkel von Dr.Hans Richter, u.a. bis zu seinem frühen Tod 1933 Religions-Lehrer am Ev.Stift.Gym., plädiere ich heute in der Therapie von Patienten und in der Ausbildung von Psychotherapeuten für die (Wieder)Entdeckung einer Höheren Macht. Jeder sollte sich die Goethe’sche Gretchen-Frage stellen...“Wie hältst du’s mit der Religion?“ Spiritualität gehört zum Menschen: „Gnothi s’auton!“ Erst Jahrzehnte später habe ich entdeckt, dass dieser Satz (Erkenne dich selbst!) stets unvollständig zitiert wurde: „...damit du Gott erkennst!“

Bleibt zu ergänzen: „Christen müssten mir erlöster aussehen.“ (Pfarrerssohn Nietzsche). Der deutschstämmige Woody A. Königsberg, genannt Woody Allen, hat neben dem kaum bekannten Theaterstück „Gott“ immer wieder ironische Beiträge zur Spiritualität geliefert. „Gibt es einen Himmel? Und wie hoch sind da die Parkgebühren?“ Und vor allem: „Die Ewigkeit kann lange dauern, besonders gegen Ende.“

 

ORA ET LABORA (Bete und arbete)

Mit westfälischem Fleiß und westfälischen Grundwerten kommt man gut voran. Nicht zufällig hat die westfälische Provinz so viele erfolgreiche Menschen und Unternehmen hervorgebracht...

Einige Zeit hatte ich das Problem, „Ora et labora“ mit der Schwabinger Hippie-Mentalität in Einklang zu bringen, verschärft durch einen Haschisch-umwölkten Besuch in den USA 1970 (Höhepunkt der Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstrationen). Spätestens beim Beginn des Medizinstudiums war es damit wieder vorbei. Zum ersten Mal musste ich mich auf den sprichwörtlichen Hosenboden setzen.

Die Frage ist: „Leben, um zu arbeiten“ oder wie die – faulen?? – Italiener „Arbeiten, um zu leben“!! Nirgendwo in der Bibel steht geschrieben, dass man sein Leben nicht genießen soll. Mangelte es den Lehrern, unseren Lehrern jedenfalls, an Lebenskraft und Lebensfreude (Ausnahmen bestätigen diese Regel)!? Damit dürfte das Tabuthema Nummer 1 zu tun haben: SEXUALITÄT. Es entstand der Eindruck, dass nicht wenige Lehrer ihre eigene Verklemmtheit in der Unterdrückung ihrer Schutzbefohlenen ausgetobt haben. Die weitgehende Abwesenheit des weiblichen Geschlechts – bis auf die unvermeidliche Chefsekretärin und zwei einsame Lehrerinnen – wurde durch die kastrierte Darstellung der Männlichkeit in Büchern ergänzt: In den freizügigen Darstellungen der Griechen – gymnos = nackt – waren die wesentlichen Teile (bei Männern nicht das Gehirn!) wegretuschiert. Daß die Griechen bei all ihrer Kultur eine von Sklavenhaltung und Päderastie geprägte Gesellschaft bildeten, um Gottes Willen. Das konnte man dann Jahre später z.B. bei Siegfried Bornemann nachlesen: „Das Patriarchat“.

Eines meiner Weihnachtsgeschenke 2000: „Das alte Griechenland“, ein Prachtband von BERTELSMANN, gedruckt bei Reinhard Mohn-Druck Gütersloh...

Einen Höhepunkt unserer Ausbildung der Homo Schmeillianus, der auch Homo(von homoios)sexuellen wenig Freude gemacht hätte: er war geschlechtslos... Die Liebeslyrik der Minnesänger wurde uns vorenthalten, weil wir „noch nicht reif genug“ dafür waren. 

Unsere biologischen Reife-Prüfungen haben wir trotzdem alle mit Erfolg abgelegt. Der Trieb war stärker. „Deine Werte sind Sarkasmus und Orgasmus!“ wird Woody Allen in einem seiner Filme von seiner Ex-Frau angebrüllt. „Mit diesem Slogan würde ich in Frankreich die Wahlen gewinnen!“

Alte Sprachen standen im Mittelpunkt unseres Stundenplans, Naturwissenschaften waren aus unerklärlichen Gründen verpönt. (Vielleicht verstand Dr.Siegfried Hajek zu wenig davon?) Nach einem Abitur-Scherz – die Abiturienten hatten einen noch rauchenden Misthaufen vor der Schultüre abgesetzt – mussten die Missetäter aus der Humanisten-Abteilung zur Abiturfeier erstmals in der Geschichte des Gymnasiums hinter den Naturwissenschaftlern einmarschieren…

Da sollten wir also als Halbwüchsige Gedichte interpretieren und Dramen lesen, zu denen wir keinen Bezug hatten. Die Deutung, meistens hochtrabendes Geschwafel, musste natürlich so ausfallen, dass sie dem konservativen bis reaktionären Deutschlehrer (Aspelmeier z.B.) in den Kram passte. Sonst war es „objektiv“ Sense mit einer guten Note...(Rote Tinte am Rand: „Ausdruck“!)

Profanes wie die Vorbereitung auf das Studium (Lernen lernen) oder gar das Leben war nicht angesagt.

Eine Unterrichtswoche mit bis zu neun Stunden Latein und Griechisch – und die Schüler mit einem Englisch entlassen, das kaum zur Bestellung eines Hamburgers ausreicht. Physik, Chemie und Mathematik: Wir gerieten so ins Hintertreffen, dass wir (als angehende Mediziner, Physiker, gar Chemiker) bei den ersten Klausuren an der Uni gezittert haben.

Eine gute Vorübung war für mich das Leibniz-Kolleg in Tübingen, gegründet 1948 für Schüler, die sich noch nicht zu einem Studien hatten durchringen können. Das dortige Studium generale zog viele interessante Persönlichkeiten an, denen ich mich zunächst haushoch unterlegen fühlte wie ein Sportler, der - lange aus der Übung - plötzlich in einer Spitzenmannschaft auftaucht...

Kürzlich habe ich die bekannte Autorin und Seminarleiterin Vera F. Birkenbihl (u.a. „Stroh im Kopf“, 36 Auflagen) kennengelernt, die nur zwei Jahre älter ist. Sie hat das getan, was ich damals auch vorhatte: Mit 16 verließ sie die Schule und ging in die USA, um wenige Jahre später doch zu studieren. Von ihren unkonventionellen Ideen zum Sprachenlernen (Sprachenlernen leichtgemacht), zur Kreativität (Das Birkenbihl alpha Buch, mvg Landsberg 2000) und zum Leben allgemein (Der Birkenbihl Power-Tag) könnten sich viele Lehrer heute etwas abschauen. (Bei der Beobachtung der Schulkarrieren unserer Kinder habe ich manchmal das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. Wozu sollen Kinder heute ein schlecht geschriebenes langweiliges Buch wie „Ansichten eines Clowns“ (und Alkoholikers) lesen und interpretieren?)

Ist es Zufall, dass 1970 der Deutsche Bildungsrat zur Schule folgendes schrieb (zitiert bei Schneider, 248/9):

„So müssen einerseits bildungssoziologische Analysen zum Problem der Statuszuweisung durch den Schulerfolg sowie allgemein zum Problem der Chancengleichheit und andererseits erziehungspsychologische Analysen zum Problem des Zusammenhangs der kognitiven und Persönlichkeitsentwicklung mit der Didaktik des Schulunterrichts nicht mehr unverbunden nebeneinander stehen, sofern die Individualisierung der schulischen Lernprozesse nach Maßgabe der Interessen und Fähigkeiten sowie des sachstrukturellen Entwicklungsstandes eines Kindes sich auch vom Standpunkt der soziologischen Analyse hinsichtlich der Notwendigkeit kompensatorischer Erziehungsprogramme wie auch einer Differenzierung von Leistungskriterien unabhängig vom jeweiligen Nachwuchsbedarf als Forderung ergibt.“

Diesen realsatirischen Text (68er Soziologen-Chinesisch!?) sollte man zur Feier „2001 - 100 Jahre Kabarett“ einreichen! Vom anderen Ende des Spektrums Heidegger, der in einem Vortrag sagte: „Das Wesende der Sprache ist die Sage als Zeige...Das Regende im Zeigen ist das Eignen...Als die Sage ist das Sprachwesen das ereignende Zeigen, das gerade von sich absieht, um so das Gezeigte in das Eigene seines Erscheinens zu befreien.“

Obwohl ich in der Schulzeit Kabaretttexte im Stile Dieter Hildebrandts geschrieben und in der satirischen Schülerzeitschrift „Die Pinscher“ (benannt nach einer abfälligen Bemerkung Ludwig Erhards über Dichter und Denker) veröffentlicht habe: Die Zitate habe ich mir nicht ausgedacht!

Mit der Sprache ist das eben so eine Sache: „Daß die Wissenschaftler sich mit Hilfe ihres griechischen, lateinischen und englischen Wortschatzes international verhältnismäßig leicht verständigen können, bleibt natürlich ein Vorzug. Jedoch ein merkwürdiger: Es ist ja der Vorzug, dass ein Arzt aus Wiedenbrück sich mit einem Arzt aus Yokohama besser verständigen kann als mit seinem Patienten in Wiedenbrück.“ (Schneider, 278 – Wie kommt Schneider gerade auf Wiedenbrück?  D.Verf.) 

„Wozu ist das Leben gut, wenn wir am Ende doch sterben müssen?“ W.A.Königsberg

Die „Elite“ – jaja. Zwei Drittel unserer Klasse sind Ehrenrunden gelaufen, z.T. sogar zwei. Wie weit haben die Lehrer in der Einschätzung von Schülern daneben gelegen, wie viele von uns wurden unnötig gequält! (Manche haben real eine „Depression“ durchlebt.) Warum kam es zu der massiven Auflehnung gegen die AUTORITÄT? Weil sie hohl war, exerziert, aber nicht inhaltlich gelebt wurde. Wieviele Hoffnungen hat man zerstört am EVSTIFTGYM nach anfänglichem Optimismus! So vieles erinnerte mehr an „Der blaue Engel“ (Josef von Sternberg, 1930, nach „Professor Unrath“, Heinrich Mann) oder an „Die Feuerzangenbowle“ (1943, fünf Jahre vor unserem Hauptjahrgang 1948 gedreht in den Wirren des Weltkrieges) als an die Gegenwart.

„Wir sind die Schüler von heute, die in Schulen von gestern von Lehrern von vorgestern für die Probleme von übermorgen ausgebildet werden.“(Postkarte)

Eine lebendige Schule, eine Schule für das Leben zu entwerfen ist außerordentlich schwierig, heute noch schwieriger als damals. Wann landen wir mal bei der Version, die uns fälschlich als Original untergeschoben wurde: „Non scholae, sed vitae discimus.“?

Die Musik spielte mit Kantorei, Orchester, Posaunenchor stets eine große Rolle am EVSTIFTGYM. (Es gab u.a. zwei Lehrer, die im Thomaner-Chor in Leipzig gesungen hatten.) Musik ist (wie Sport) in der Tat eine ideale Erziehungshilfe. Hier lernen Kinder spielerisch Tugenden und Werte, die man heute kaum noch anzusprechen wagt: Disziplin, Fleiß, Frustrationstoleranz, Gedächtnis, Konsequenz, sogar Takt, Rücksichtnahme, Solidarität – und vor allem Freude, wenn man gemeinsam übt und konzertiert. Kinder, die musizieren, sind nach meinen Beobachtungen kaum suchtgefährdet.

In unserem Haus gibt es zwar mehrere Stereoanlagen, zwei Fernseher und auch den unvermeidlichen Computer mit Internet-Anschluß – aber am wichtigsten ist immer noch die live-Musik. Zu meinem 40.Geburtstag habe ich mir einen BLÜTHNER-Flügel (s. ESG!) geleistet, um den sich jetzt drei Spieler streiten. (Unsere Tochter Marlene hat u.a. das geschafft, was am ESG damals viele erreicht haben: einen ersten Preis bei „Jugend musiziert“.)

Nachdem der „stern“ die multimediale Vernetzung unseres altehrwürdigen Gymnasiums so gelobt hat, frage ich: Sind Computer wirklich so wichtig? Lernen unsere Kinder das nicht nebenher und selbstverständlich wie eines Tages das Autofahren?! Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich sehe die unglaublichen Möglichkeiten des Internet und der Computerprogramme, die uns viele Mühen abnehmen. Aber ich sehe zunehmend in meiner Praxis auch Jugendliche, die am Computer wie an einer Droge hängen – und inhaltlich so gut wie gar nichts lernen. (Mein Lektor hat das erste Buch über Internet-Sucht herausgegeben: Caught in the Net. Kösel-Verlag) Also: Wann werden endlich neue Flügel angeschafft? Oder: gibt es immer noch die Hörner im Posaunenchor mit den Spuren der Bombenangriffe? Stimmen die Nachrichten über ausgefallenen Musikunterricht?

Keineswegs plädiere ich für einen Unterricht, der platt und vordergründig auf Lebenspraxis ausgerichtet ist. Nicht zufällig kommen erstaunlich viele Menschen mit originellen Ideen – gerade auch im Bereich der Technik und Naturwissenschaften – aus dem Hintergrund einer klassisch-humanistischen Bildung. Originelle Lösungen und Zukunftsvisionen entstehen auf dem Boden fächerübergreifender Überlegungen. Dazu gehört eine Präzision der Sprache, wie wir sie letztlich doch gelernt haben. Wenn wir die Arroganz der Verwendung von Fachjargon und Fremdwörtern ablegen und von der Faszination verquaster Schachtelsätze Abschied nehmen können, bleibt Raum für solides Denken und solide Information. („Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.“ Kant) Hoffentlich wird deutlich, dass ich vor allem den vertanen Chancen nachtrauere: Warum war es nicht möglich, modernes wissenschaftliches Denken mit philologischer Feinarbeit zu verbinden - und die spirituelle Diskussion über Werte mit einzubeziehen?

Stoff für Festreden finden wir bei Karl Valentin („Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“), an dessen letztem Wohnhaus in Planegg bei München ich fast jeden Morgen auf dem Weg zu den Schulen unserer Kinder vorbeifahre (Feodor Lynen (Biochemiker), und Prof.Kurt Huber-Gymnasium (Musikwissenschaftler, Mitglied der Widerstandsorganisation „Weiße Rose“,  Gräfelfing):

„Wehe dem, der sich selbst, wehe dem, dem derjenige nur das ist , was wir uns von diesem erwartet haben. Selbst ist die Frau! Meine Herren! Wenn die Besonnenheit uns von unseren Sorgen, deren wenige ein verblendendes Spiel in uns gesetzt zum Zwecke des Mittels, einen wie bei jedem, wir können nicht das gute Gewissen mit derselben Resignation verknüpfen, der unserem Standpunkt von vorneherein gegenüberstand.“

Nichts für ungut!

 

PS: Diesen Text habe ich einigen Schulfreunden vorgelegt, um die Reaktionen zu testen. Einige waren angetan bis begeistert, andere fanden es „zu hart“, „zu subjektiv, zu persönlich“ (dazu stehe ich). Zusammenfassend der Kommentar eines Klassenkameraden, der nach langem Zögern schließlich doch keinen eigenen Beitrag zur Festschrift entworfen hat: „So war es halt!“

Unbestritten die Tatsache, dass das ESG Ende der 60er Jahre dem gleichen Zeitgeist unterlag wie die gesamte Gesellschaft: „Seitdem ist nichts mehr so, wie es war.“ (Hajek) Der Übergang von einem post-militaristischen Deutschland zu einem demokratischen Gemeinwesen war nicht einfach.

Nach dem Besuch der Feierlichkeiten zum 150jährigen Jubiläum und der Lektüre der Festschrift besteht kein Anlaß, meine Äußerungen zurückzunehmen. Schließlich sind genau die Dinge, die wir vermissten, wenig später gekommen: Mädchen, Aufhebung der Andachtspflicht, sogar katholische Lehrer, mehr Toleranz, Sexualkunde, neue Medien etc.etc.

Herr Direktor Engelen kam mehrfach beschwichtigend zu mir: „It has changed, hasn`t it!?“ „Sure!“ Aber für die Zustände von vor über 30 Jahren muß er sich ja nun wirklich nicht zuständig fühlen.

 

Dr.med.Helmut Kolitzus

Großvater (Dr.Hans Richter, Jahrgang 1882, auch Altschüler) und Vater Axel Kolitzus (1906), außerdem Onkel Hans Richter junior (1911) (Altschüler und) Lehrer an der Schule; Brüder Hans Jörg (Jahrgang 1939), Henner (1940) und Christoph (1951) Schüler des EVSTIFTGYM

Schwiegervater Rektor, Frau (Ex-)Lehrerin

 

PS: Mit Direktor Dr.Hajek hatte ich kurze Zeit vor seinem Tod telefonischen und brieflichen Kontakt – und im Gegensatz zu „damals“ kaum mehr Differenzen. Er hat mein erstes Buch „Die Liebe und der Suff…Schicksalsgemeinschaft Suchtfamilie“ kritisch gelesen – und rückte offensichtlich von seinen überzogenen Leistungsgedanken ab, mit denen er uns Schüler verfolgt hatte. Über seine Frau und seine Tochter habe er auch noch eine „späte feministische Beeinflussung“ erfahren. Aus der Kirche war er nach langen inneren Kämpfen ausgetreten, so dass es im Zusammenhang mit seiner Beerdigung (1998) einige Probleme gab.

 

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